Eine Geschichte über Depressionen und Trauer.
Über Freundschaft und Familie.
Über Geheimnisse, das Loslassen und den Wunsch danach, endlich anzukommen.

REGEN

Das sind die Situationen, in denen man merkt, dass das alles nicht so richtig funktioniert. Das mit dem Dazugehören und dem Normalsein und mit diesem „Andere-machen-das-ja-auch“. Und es ist ja auch okay, es ist alles nicht perfekt und man gewöhnt sich daran. Dann wird es vielleicht alles ein bisschen schlimmer, aber auch daran gewöhnt man sich. Und eines Morgens wacht man auf und fragt sich, wie all das so plötzlich passieren konnte. Und dann weiß man nicht mehr wie man aufsteht. Oder den Müll runterbringt. Oder atmet.

Ich weiß, dass meine Mutter die Hoffnung bei mir aufgegeben hat, dass sie ihre Erwartungen an mich tief stapelt und dass meine bloße Existenz reicht, um sie daran zu erinnern, dass diese Familie nicht perfekt ist. Ich bin die Tochter, bei der man besorgt und desillusioniert mit dem Kopf schüttelt. Der man Kleidung zum Geburtstag schenkt weil man ihr einen Klamottenkauf nicht zutraut. Ich bin die, die sich nahezu auf jeder Familienfeier eine blümerante Lügengeschichte ausdenken muss, weil die Formlosigkeit ihres Lebens nur für Diskussionsstoff sorgen würde. Und bin dabei doch nur krank vor Sehnsucht danach, einfach eine normale Tochter, eine normale Schwester zu sein, in einer normalen Familie, in der ich eine Lücke finde, in die ich einfach passe, ohne etwas von mir abbrechen oder verformen zu müssen.

Thorstens Blick geht ins Leere während sich seine Lippen um den Filter schließen und er schweigend den Rauch einatmet. Ich versuche sein Alter zu schätzen und weiß, dass ich daneben liegen werde. Seine ergrauten Haare lassen ihn älter wirken, eine handtellergroße Stelle in seinen dichten, straßenköterfarbenen Haaren ist fast weiß. Sein Gesicht besitzt dennoch eine gewisse Jugendlichkeit. Er trägt ein kleinkariertes Hemd das mich an Lennards Geschirrhandtuchhemden denken lässt. Ich spüre die Stille zwischen uns. Sie überzieht die Situation mit einer räudigen Kruste. Eigentlich muss man ja was sagen, sich nett unterhalten. Das macht man so.

„Alles okay?“ Die Frage rutscht mir heraus, aber damit kann man nichts falsch machen. Denke ich. Doch Thorsten zieht seine Augenbrauen hoch, legt seine Stirn in eine ganze Menge Falten, sieht mich durch seine Brille von der anderen Seite der Welt an und macht mir klar, dass er nicht derjenige sein wird, der dieses Gespräch in der Luft hält, nein, er lässt meine Worte zu Boden fallen, zerschellen und kläglich verenden. Ich bereue umgehend, jemals eine Frage an diesen Menschen gerichtet zu haben. Sein Blick schneidet Glas. Der Regen gurgelt durch die Dachrinnen, tropft auf den Boden, fällt pflatschend auf die mühsam geharkte Erde in den Blumenbeeten meiner Mutter. Thorsten schweigt und widmet sich mit einer zischenden Einatmung wieder seiner Zigarette.

WASSER

Die Dinge, die zwischen uns nicht gesprochen wurden, waren bedeutungsvoller als die Dinge, die wir aussprachen. Wir ließen uns gegenseitig mit unserem Schmerz allein und versanken nebeneinander in unseren eigenen Welten. Sie drückte alles, was sie fühlte in die kleiner und kleiner werdenden Zwischenräume des Alltäglichen. Ich sah meine Mutter nach der Beerdigung nie wieder weinen.

Katrin kam nie wieder. Stattdessen kamen seine Eltern und standen schweigend mit tadelndem Blick an seinem Bett. Seine Mutter blickte mit wässrigen Augen auf den Verband, sein Vater sagte mehrmals leise das Wort „Junge“ und schüttelte den Kopf als wollte er einen Satz anfangen, den er nicht zu Ende bringen konnte. Thorsten lag in einem durchgelegenen Klinikbett und blickte durch das Fenster zu dem gegenüberliegenden Bürohochhaus, dessen 14 Stockwerke er mehrere hundertmal rauf und runter durchzählte. Seine Eltern gingen wieder, schlossen die Krankenhauszimmertür hinter sich und Thorsten beobachtete, wie die Lichter in den Büros nacheinander erloschen. Kleine, zwinkernd-leuchtende Rechtecke, die ihm signalisierten, dass die Welt auch ohne ihn weitermachen könnte und dass nichts da draußen auch nur im Geringsten mit ihm zu tun hatte. Die Nacht schloss ihn in ihren Frachtraum und nahm ihn mit, ihm fielen die Augen zu ohne dass er dabei einschlief.

Und jetzt lache ich. Weil es irgendwie wirklich ein Wunder ist. Weil alles hier gerade ein Wunder ist und ich mich über alles nur noch wundern kann. Ich verstehe diese Welt nicht mehr, ich habe sie noch nie verstanden und deswegen lache ich. Ich lache weil ich so müde bin, so erschöpft und so lebendig, so traurig und so glücklich. Ich lache, weil ich wieder etwas fühle, weil ich so viel fühle. Ich lache, weil ich bis hierhin durchgehalten habe, obwohl ich mich so oft so müde gefragt habe, warum ich diesen einen letzten Schritt nicht endlich einfach gehe. Ich lache, weil mir dieses Gefühl, dieses dunkle, kalte Gefühl so oft weismachen wollte, dass es von nun an für immer da sein und niemals wieder weggehen wird. Doch ich lache ihm ins Gesicht, weil ich weiß, dass es anders ist. Alles geht vorbei und nichts dauert ewig, auch die größte Scheiße nicht. Auch das hier wird vorbeigehen. Ich lache und lache so lange, bis ich weine und dann lacht auch Thorsten. Er sieht mich fragend an, legt zögernd seine Arme um mich und hält mich fest. Denn er kann mit seinen Armen genauso festhalten wie mit seinem Blick. Und in diesem Moment jetzt gibt es nichts schöneres auf der ganzen Welt als Thorstens Arme um mich herum. Und ich wünschte diese Berührung zwischen uns würde ausreichen um ihn all die Dinge wissen zu lassen, die mir durch den Kopf und durch das Herz rauschen. Wie eine Datenübertragung, die zwischen uns stattfindet ohne dass ich Worte finden muss.

FARBE

„Sie ist nicht geladen.“ sagt er leise, greift in seine Jackentasche und holt einen schwarzen Gegenstand von der Größe eines Schokoriegels hervor. Zögernd nehme ich das Magazin an mich. Thorsten blickt auf das kräuselige dunkle Wasser vor uns. Ewigkeiten vergehen, das Schweigen zwischen uns zäh und endlos. Nieselregen fällt wie nasser Staub vom Himmel. Noch immer boxt mein Herz, wütend und ängstlich. Unter meinen Armen hat sich panischer Schweiß gesammelt. Meine Hände sind eiskalt und hinterlassen feuchte Spuren auf dem dunklen Metall der Pistole. Waffe rechts, Munition links in der Hand. Ich habe so etwas noch nie angefasst und ich frage mich, wie es jetzt dazu kommen konnte.

Die Stimme meiner Mutter klingt nicht danach, dass wir uns vor wenigen Minuten noch an den Händen gehalten haben. Mit dem Kinn nickt sie in Richtung des Kartons, verschränkt ihre Arme vor der Brust.

„Da ist alles drin. Von deinem Vater.“

Dein Vater. Es klingt wie ein Vorwurf. Als hätte sie nie etwas mit ihm zu tun gehabt, als wäre er ein Fremder, dem sie vor langer Zeit nur kurz begegnet ist. Zögernd lege ich meine Hände um den Karton, Staub krümelt und hinterlässt Dreckspuren auf dem Tischtuch und an meinen Fingern. Ich nehme ihn mit hinauf in das Gästezimmer, das früher mal das Zimmer war, das ich mir mit Micha geteilt habe. Ein steriler Geruch kommt mir entgegen, es riecht chemisch nach Wäschebleiche. Alles ist anders. So klein wirkt dieser Raum nun. Als wäre er in all den Jahren, in denen ich größer geworden bin, um mich herum geschrumpft und hat nun, da weder ich noch Micha noch darin wohnen, beschlossen, sich noch weiter zusammenzuziehen um irgendwann komplett zu verschwinden.

Ich habe in den letzten Tagen so viele schonungslose Wahrheiten erfahren. Nicht für eine einzige davon war ich wirklich bereit. Das Leben wartet scheinbar nicht, bis man bereit für etwas ist. Es rauscht einfach heran und haut einen um – um dann einfach weiterzumachen wie vorher, obwohl man noch angezählt mit dröhnendem Schädel und flatterndem Herzen auf dem Boden liegt und wimmert. Ich zähle ängstlich zögernd die Nummern an den Schließfachtüren herunter, bis zum Ende des Ganges gehe ich weiter. Es riecht nach Urin. 1066. Ich hole den kleinen angewärmten Schlüssel aus meiner Tasche, stecke ihn ins Schloss und drehe. Wider Erwarten geht es ganz leicht, wie geschmiert, und die Metalltür springt mit einem dumpfen Klacken auf. Ich öffne sie ein Stück weiter, langsam, schaue in das dunkle Innere des Schließfaches. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe und ich bin gleichzeitig erleichtert und enttäuscht.

Trauer ist Liebe, die nicht mehr weiß, wo sie hinsoll. Man kann sie verstecken, unterdrücken, verleugnen und ignorieren. Man kann sie tief im Herzen tragen und mitnehmen, wohin man auch geht. Man kann sie niederschreiben, rausschreien oder runterschlucken. Trauer ist anpassungsfähig und formbar. Doch irgendwo will sie hin, muss sie hin, weil ihr Empfänger nicht mehr da ist. Also sucht sie sich ihre Wege und sie nimmt dabei verschiedene Aggregatzustände ein. Sie sammelt sich flüssig in den Augen, bei jedem Atemzug als brennendes Gas im Brustkorb oder als schwerer Stein in der Kehle. Trauer findet ihren Weg. Und sie kann einen verschwinden lassen bis man allein nicht mehr zurückfindet.

So ist es nämlich: Wir messen den Wert der Dinge an dem, was zum Schluss von ihnen übrigbleibt.

Das Ende entscheidet darüber, ob eine Geschichte eine schöne oder eine traurige ist.

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